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fisch on

Angeltour im Zeller See

Fast hätte ich abgesagt. Aber wir vier Frauen wollten das Geheimnis ergründen - für uns und die vielen anderen, deren Männer freiwillig vor Sonnenaufgang aufstehen, alleine frühstücken und Stunden später abgekämpft aber stolz vom Angeln zurückkommen. Was soll daran toll sein: Stundenlang stumm hocken, auf das Wasser schauen, um irgendwann, mit etwas Glück, eine arme zappelnde Kreatur am Maul aus dem Wasser zu ziehen?

Treffpunkt: 5.30 Uhr beim Seewirt am Zeller See. Und da stehen sie - unsere vier Fischer!  „Wie beim Bachelor“, kichern wir. Es fügt sich. Schnell hat jede von uns Frauen ihren gebuchten Fischer und auf geht es zu den Booten. „Meiner“ heißt Wolfgang, ein gestandener 55-jähriger mit großem Lachen im Gesicht.

„Ist schon schön, diese stille Morgenstimmung am See“, denke ich, nachdem mir Wolfgang sehr galant auf einen bequemen, gepolsterten Drehsitz geholfen hat. Doch da wird es plötzlich laut. „Ach, die Seekuh“, beruhigt er, „das ist nur unsere Seegras-Mähmaschine.“ Was es nicht alles gibt...

Sprechen ist glücklicherweise erlaubt, denn Wolfgangs Boot hat einen doppelten Boden - und außerdem halten sich die Renken, auch Felchen genannt, die wir fangen wollen, tief am Seeboden auf. So kann ich all meine Fragen loswerden.
Zuerst interessiert mich die „Technik“: Den Schirmständer erkenne ich selbst, brauchen wir bei dem herrlichen Wetter aber nicht. Die sanitären Anlagen für die Bootstour fallen spartanisch aus: Als Männerklo dient eine leere Flasche Colorwaschmittel, das Frauen-WC besteht immerhin aus einem Allzweckeimer mit Deckel. Aber dieser Bildschirm, was ist das? „Ein Echolot“, erklärt Wolfgang. Man kann damit nicht nur die Seetiefe und Temperatur ablesen, sondern auch erkennen, wenn sich ein Fisch nähert. „Wie fies!“, denke ich.

Zum Glück fischen wir „sauber“, d.h. ohne Würmer und Maden. Denn Renken fressen Nymphen, die Larven der Mücken. Mehrere Angelhaken am unteren Ende der Angelschnur, kurz vor dem Bleigewicht, täuschen Nymphen vor. „Renken sind wie Frauen, manche bevorzugen nur eine bestimmte Farbe, Muster oder sogar Glitzer“, weiß Wolfgang. Lichteinfall und Jahreszeit spielen auch eine Rolle. Deshalb wird die Angel mit unterschiedlichen „Nymphenmodellen“ versehen. Der Fischer muss sich auf sein „Gegenüber“ einstellen, ausprobieren, taktieren. Ein großer Klappkasten enthält lauter handgemachte, aufgewickelte kurze Angelschnüre mit den verschiedensten Modellen. „Ordnung ist das halbe Leben“, meint Wolfgang. Und ich überlege bereits, ob ich meinem Mann einen Angelkurs schenke.

Angler-Ordnung

Ein guter Wurf

Ein guter Wurf

Plötzlich heißt es „Fischalarm!“ - jetzt ist volle Konzentration gefragt. Auf dem Echolot zeigt sich ein Fisch in Form eines kleinen schwarzen Strichs. Ganz langsam und gleichmäßig hebt Wolfgang die Angel und täuscht damit die nach oben aufsteigende Nymphe vor. Gebannt starren wir auf die Angelschnur: Wenn sie sich leicht biegt, heißt es: „Biss“ oder internationaler: „Fish On“.

Und dann geht die Angelkunst in ihre nächste Phase. „Wie bei Hemingway, Der alte Mann und das Meer“, denke ich. Mit viel Gefühl nachgeben - die Geschenkidee Angelkurs für meinen Mann festigt sich -, wieder etwas anziehen, mehr loslassen, durch Heben und Senken der Angelschnur den Fisch müde machen. Peu á peu wird die Schnur dabei aufgewickelt. Man kann das Exemplar schon sehen! Ich bin aufgeregt  - und er tut mir schrecklich Leid, wie er so „strampelt“. Wolfgang beruhigt mich: „Der Fisch hat keine Lippen, sondern ein Hornmaul, wie Fingernägel. Es tut ihm nicht weh. Er zieht und zappelt, weil er um seine Freiheit kämpft.“ Da bin ich erst mal beruhigt. 

Mit dem Kescher wird die Renke vorsichtig aus dem Wasser gehoben. „Zu klein“, weiß mein Angelheld sofort. Ein kurz angehaltenes Maßband bestätigt es. Renken müssen mindestens 35cm Länge aufweisen. Gekonnt ist der Haken entfernt und der Fisch schwimmt davon. Wolfgang holt eine zweite Angel hervor. Die erste kostet mehr als  500 Euro, aber ich darf einmal kurz fühlen, wie superleicht das Luxusstück ist. Die geflochtene Schnur ist 100 m lang, alle 10m beginnt eine andere Farbe. Sie kann 10 Kilogramm tragen. Die andere Angel ist robuster, aber zu schwer, um sie länger zu halten. Sie hat eine nicht geflochtene Schnur, die nur bis zu 3,5 Kilo tragen kann. Für sie benutzen wir eine Art Miniboje, deren liegende Stellung oder Bewegung einen „Biss“ verrät.

Das ist nun meine wichtige Aufgabe: der meditative Blick auf diese Miniboje. Wolfgang betont mehrfach, etwas Motivation kann nicht schaden, er wisse, dass er sich auf mich verlassen könne. Ja, kann er: „Biss“, schreie ich plötzlich ganz aufgeregt. Nach spannendem, gefühlvollen Kampf haben wir eine kapitale Renke von 39 Zentimetern gefangen. Wolfgang atmet erleichtert aus: „Ein Glück, kein Nuller!“ Keinen Fisch zu fangen, scheint die Männerehre schwer zu treffen. 
Diese erfolgversprechende Angelposition im See bekommt meinen Namen, die Brigitte-Stelle. Und tatsächlich haben wir dort eine goldene Serie. Diverse kleinere Fische, dann eine „riesige“ Renke von 41 Zentimetern.

Ich bin zufrieden - nein glücklich! Dieser herrliche See, das einmalig schöne Bergpanorama und so etwas wie Erleichterung: Wenigstens müssen die Fische nicht leiden. Es ist Pflicht, sie sofort mit einem Schlag am Genick, dort wo die Kiemen aufhören, zu betäuben. Nach ein, zwei Sicherheitsschlägen wandern sie in einer Plastiktüte in die bereitstehende Kühltasche. Später werden sie in der Mitte des Sees unter Wasser entschuppt und ausgenommen. Wolfgang holt sein scharfes Messer heraus. Den Wels, aber auch den Karpfen kann man nicht mit einem Schlag auf den Kopf töten, hier ist ein gezielter Herzstich erforderlich. Der glitschige Fisch wird dabei mit einer Landungszange fixiert. Auch diese Prozedur geht so schnell, dass der Fisch nicht leiden muss. Ein Glück, dass wir nur Renken fischen…

Zwischendurch erfahre ich noch viel Interessantes: Jeder Fisch wird in einem Heft namens Fischereiordnung auf der Seite „Fangverzeichnis“ eingetragen, mit Datum, Uhrzeit, Länge und (nachträglich) Gewicht. Es gibt Jahres-, Wochen-, Tageslizenzen. Ein Lizenzbesitzer darf maximal fünf Renken pro Tag fischen, bis zu 150 pro Saison. Für andere Fische gibt es andere Vorgaben. Zwei Zander, eine Seeforelle, ein Saibling sind erlaubt.

Kein Fanglimit gibt es für Räuber, wie den Hecht, Barsch und vor allem den Wels. „Er kann bis 2,80 Meter groß werden und verschlingt auch schon mal eine Ente oder einen kleinen Hund“, erzählt mein Fischer. Menschen seien aber nicht gefährdet. Der ältere Wels ist ein Problemfisch ohne natürliche Feinde unter Wasser. Wer einen Wels fängt, erhält Lizenz-Ermäßigung. Schmecken tun die großen Fische leider nicht.

Mir gefällt, dass der Nachhaltigkeitsgedanke am Zeller See groß geschrieben wird. Der See selbst hat Trinkwasserqualität! „Durch Schonbereiche und jährliche Laichfischerei bleibt uns der hohe Fischbestand erhalten,“ erklärt Wolfgang. Die gefangenen Fische werden im November abgestrichen, Milch und Rogen vermischt  und der künstlich erbrütete Nachwuchs, fast 2 Millionen Brütlinge im letzten Jahr, wieder im See ausgesetzt.

Eine Turmuhr schlägt halb elf – der kleine leise Elektromotor wird angestellt und wir durchqueren den großen See zurück Richtung Seewirt. Fast fünf Stunden war ich auf dem Wasser und keine Sekunde war langweilig. Doch, ich kann sie etwas besser verstehen, diese Fischermänner, habe sogar das Gefühl, selbst etwas „infiziert“ zu sein. Vielleicht sollte doch ich den Angelkurs machen…

Doch wohin nun mit dem Fang? Wir haben großes Glück. Der Sohn des Seewirts , Nikolaus Lang, ist nach längerer Anstellung in einem mehrfach ausgezeichneten Gourmet-Restaurant, zum Familienunternehmen zurückgekehrt. Er lädt uns ein, in seiner Küche mitzuerleben, wie er unseren Fisch zubereitet.

Das Rezept: Die gesäuberten Fische werden filetiert, in kleinere Stücke geteilt (weil ganz frischer Fisch so leicht zerfällt), etwas Salz, einen Hauch Chili darüber gegeben (keine Zitrone), mit der Hautseite in etwas Mehl getaucht, dann in Butterschmalz in richtig heißer Pfanne gebraten. Der Trick: Ein großer Kochtopf wird auf die Filets gedrückt und vielleicht eine Minute darauf stehen gelassen. Dadurch wird die Hautseite gleichmäßig braun und der frische Fisch wellt sich nicht. Es kommen dann großzügig Butterstücke in die Pfanne und je zwei Rosmarinzweige und Knobihälften für etwas Aroma. Die Filets werden nicht gewendet. Sobald sie unten und an der Seite gar aussehen, wird die geschmolzene Butter immer wieder über die Filets gelöffelt, bis die obere Seite auch weiß aussieht. Fertig! Dazu ein Risotto und Salat.
Dann wird serviert. Ich kann versichern: Besser hat mir noch kein Fisch geschmeckt!

Brigitte Harte


 

GALERIE

NÜTZLICHES

  • Gasthaus Seewirt, Tel. 00436542/72262 (dort gibt es auch Lizenzen zum Fischen). Renken kann man auch vom Ufer aus fischen.
  • Bootsvermietung und allgemeine Informationen www.zellamsee.salzburg.at
  • Für Familien
    Bootsausflug und Fischen bequem kombinierbar: Es reicht, einen Spinnköder (kleine Fischimitation aus Metall oder Holz mit Haken) in ca. 50m Entfernung vom Boot zu schleppen.
    Unbedingt die sensationellen Angebote der Sommerkarte nutzen (Bergbahnen sind umsonst, ebenso Strandbäder, Wildpark, Nationalparkzentrum Hohe Tauern, Schaubergwerk, div. Museen u.v.m.). Die Karte gibt es bei den teilnehmenden Unterkünften, eine Familie spart leicht ca. 700€ pro Woche).
  • Einzelheiten unter www.zellamsee-kaprun.com