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Gipfelsturm nach stadtvisite

Weltkultur, Wandern und Weinproben -
Teneriffa bietet alles

„Ich bin der weibliche Sonntag“, sagt die kleine, quirlige Frau und lächelt. „Mein Name ist Dominga, kommen sie mit.“ Wir starten zu einem kleinen Rundgang durch La Laguna, Teneriffas alter Hauptstadt. Klein von Statur, aber mit großem Wissen lüftet Dominga die Geheimnisse historischer Architektur, die 1999 zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Wieselflink bewegt sie sich durch Jahrhunderte, aber auch auf dem Kopfsteinpflaster ist es schwierig, mit ihr Schritt zu halten.

Teneriffa punktet nicht so sehr als Badeinsel, dafür lässt sich in kulturelle Vielfalt und grandiose Natur eintauchen. Bauten von historischem Rang, Wanderungen durch spektakuläre Landschaft und außergewöhnliche Gaumenfreuden sind reichliche Zugaben zum Badevergnügen. Im Nordostzipfel der Insel liegt La Laguna 500 Meter über dem Meer. Während der Süden reichlich von Sonne verwöhnt wird, schieben die Passatwinde im Norden gelegentlich die eine oder andere Wolke vor steil aufragende Berge.

Mit ihrer schachbrettartigen Anordnung wurde San Cristóbal de la Laguna im Jahr 1500, zur Zeit der katholischen Könige, planmäßig angelegt und metergenau berechnet. Das Renaissanceprojekt sah weite, parallele Hauptstraßen vor, die durch enge Querstraßen verbunden wurden. Heute ist dieser alte Stadtkern größtenteils Fußgängerzone, die die zahlreichen Gebäude im spanischen Kolonialstil des 17. und 18. Jahrhunderts verbindet. Auf Stadtmauern sei bei der Planung verzichtet worden, erzählt Dominga. Es sollte eine offene Stadt sein. Die Idee überzeugte später auch Stadtplaner in der von Columbus entdeckten Neuen Welt. „Havanna ist eine Kopie von La Laguna.“

Dominga lädt zu einigen Hausbesuchen ein. Dutzende solcher „Casas“ lassen in der Altstadt den arabischen Einfluss im Mudejàr-Stillebendig werden und locken in sehenswerte Innenhöfe. Brunnen und üppige Pflanzen schaffen eine stille und temperierte Atmosphäre, Fliesen mit Mustern und Ornamenten verzieren Wände und Böden. Treppen führen hinauf auf kunstvolle Holzbalkone aus kanarischer Kiefer, filigrane hölzerne Fenstergitter fungieren als Sonnen- und Sichtschutz vor Gemächern, in denen einst islamische Frauen im Verborgenen lebten. 

In der Calle Santo Domingo steuert Dominga auf die gleichnamige Kirche zu. Das Gotteshaus wartet nicht nur mit klerikaler Kunst, Wandmalereien und Heiligenbilder auf. In dem geweihten Boden fand auch ein Gottloser seine letzte Ruhestätte. Amaro Pargo hieß jener Pirat, der als Robin Hood der Meere seine Beute gelegentlich auch mit den Armen teilte. Es sieht so aus, als ob der Totenkopf auf der Grabplatte dem Betrachter bis heute zuzwinkert.

Doch schauen wir weiter. Wir steigen bei Manolo ein, der als Reiseleiter auf der Insel zu Hause ist. In der dicht besiedelten Region rund um La Laguna und Santa Cruz leben eine halbe Million Menschen, mehr als die Hälfte der Inselbevölkerung. Kein Wunder, dass sich hier manchmal der Verkehr staut. Da bleibt Zeit für den Blick über die großen Bananenplantagen, die sich terrassenförmig bis hinunter zur Küste erstrecken. 

„Wie schön, dass es dich gibt“, steht bei Orotrava auf einer Tafel am Straßenrand. „Man weiß nicht, wer das schreibt,“ erzählt Manolo, „aber dort steht jeden Tag etwas Neues.“ Die frohe Botschaft könnte auf die ganze Insel gemünzt sein. Der Tourismus boome derzeit wieder, hören wir. Sechs Millionen Besucher seien es 2016 gewesen, 2017 sicher noch einige mehr. Mit großem Abstand rangierten die Engländer auf Platz eins, gefolgt von den Spaniern, dann kämen die Deutschen. Die seien statt am magischen Dreieck zwischen Hotel, Strand und Kneipe vor allem an Kultur, Natur und Wandern interessiert, erzählt Manolo. Und schon schwärmt er für einen ganz berühmten von ihnen, der ihn wohl besonders beeindruckt hat: 1799 verbrachte Alexander von Humboldt eine Woche auf Teneriffa und lobte die Insel in höchsten Tönen.

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Als sich der Hunger meldet, weiß Manolo Rat. Der Besuch einer Guachinche, eines jener schlichten Restaurants, die hauptsächlich von Einheimischen besucht werden, ist auf Teneriffa ein Erlebnis. Manchmal erinnern sie an umgebaute Garagen mit improvisiertem Mobiliar. Wir halten. La Casona steht draußen, drinnen gibt es schlichte, aber gute kanarische Küche. Probiert werden „Alte Kleider“, eine Mischung aus Kartoffeln, Kichererbsen und Rindfleisch. Es folgen „zerstampfte Eier“, ein Gebirge aus Pommes Frites, Spiegelei und kleingeschnittener, pikanter Chorizo-Wurst. Es schmeckt und ist preiswert. Dazu wird Hauswein serviert. 

Auch wenn Teneriffas Weine aufgrund kleiner Anbauflächen international wenig bekannt sind, lohnt sich der Besuch einer Bodega, einer der örtlichen Weinkellereien. Nachdem die Böden über Jahrhunderte arg strapaziert wurden, verbesserten sich Anbaukultur und damit die Weinqualität in den letzten Jahren erheblich. Heute gibt es wieder zahlreiche Auszeichnungen.

Doch was ist nun mit dem Teide, Spaniens höchstem Berg? Neben der Straße schäumt das Meer und wirft weiße Wellenspitzen gegen die Küste. Heute sieht das Wetter leider nicht ideal aus. Ein paar Wolken haben sich an den Bergen der Nordküste festgekrallt. „Da musst Du am besten im April kommen“, meint Manolo, „dann steht der Nationalpark bis Juni in voller Blüte. Es leuchten nicht nur Ginster und bis zu drei Meter hohe Natternköpfe. Es zeigt sich auch ein ganz besonderer Schatz: das Teide-Veilchen.“ Manolo kennt sich aus, er hat an einer iPhone-App mitgearbeitet, die anschaulich über die Flora des Nationalparks Auskunft gibt. Trotzdem, auch im übrigen Jahr ist diese Vulkanlandschaft ein Erlebnis.

Es geht bergauf in tief hängende Wolken hinein. Die Straße windet sich in weiten Serpentinen durch kanarischen Kiefernwald. Die Häuser werden weniger, der Dunst dichter. Wenige Kurven später reißt der Schleier ganz unerwartet auf und gibt über dem Nationalpark El Teide endlos blauen Himmel frei. Gerade aus einem Meer dichter Wolken aufgestiegen strahlt nun die Sonne über eine Landschaft, in der eigenwillige Formen ihre Schatten werfen. Ein frischer Wind fegt durch einen Regenbogen, der sich über die Hochebene wölbt. Unwillkürlich wandert der Blick am gigantischen Vulkankegel zum Gipfel des Teide empor.

Auf diesen Gipfel zu kommen, ist gar nicht so einfach. Spontan geht es ohnehin nicht. Wer ihn erwandern will, braucht nicht nur eine gute Kondition. Da die täglichen Besuchszahlen für die Bergspitze auf 200 begrenzt sind, muss per Internet vorab eine Genehmigung beantragt werden. Und die Warteliste ist lang. Wer im Refugio de Altavista in 3.250 Metern Höhe übernachtet, darf morgens auch ohne Genehmigung zum Gipfel, muss allerdings bis neun Uhr wieder unten sein. Doch auch von unten beeindruckt dieser Riese. Und beim Wandern durch die Landschaft, die ihm zu Füßen liegt, lassen sich Bims- und Lavafelder entdecken, die wie ein anderer Planet wirken.

Wandern auf Vulkangestein

So ganz brauchen wir auf einen Blick von oben nicht zu verzichten. Schauen wir einfach, was andere Augen gesehen haben. Schon Alexander von Humboldt bewunderte die bis heute ungetrübte Aussicht: „Dass auf der Spitze des Pics die Dörfchen, Weinberge und Gärten an der Küste einem so nahe gerückt scheinen, dazu trägt die erstaunliche Durchsichtigkeit der Luft viel bei. Trotz der bedeutenden Entfernung erkannten wir nicht nur die Häuser, die Baumstämme, das Takelwerk der Schiffe, wir sahen auch die reiche Pflanzenwelt der Ebenen in den lebhaftesten Farben glänzen.“ Und damit das so bleibt, ist selbst das Überfliegen des Nationalparks verboten.

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Wer in dieser unglaublichen Kulisse bis an seine Grenze gehen möchte, auf den wartet die neue Wanderroute 040. Sie führt vom Strand auf den Gipfel des Teide, 3700 Meter Höhenunterschied sind zu meistern. Die vom Bergsportverband der Kanareninsel entworfen Route beginnt in Los Realejos und führt eigentlich immer nur bergauf. Sicher etwas anstrengender als ein Rundgang durch La Laguna, aber mit einem Ortskundigen vorweg lässt sich auch dabei noch so manches Geheimnis am Wegesrand lüften. 

Dirk Wegner, Oktober 2018


MAP

 

NÜTZLICHES

Informationen über Stadtführungen durch La Laguna

Wikinger Reisen bietet die Teide-Challenge an:
Eine Wanderung in vier Etappen vom Strand bis zum höchsten Gipfel Spaniens

Eine Botanik-App zum Teide-Nationalpark, die es im Moment nur für iPhone/iPad gibt.

Weitere Teneriffa-Angebote von Wikinger Reisen