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küste in cinemascope

 

Irlands County Kerry

Wenn der Wind an Kerrys Küste Regie führt, setzt er ein besonderes Naturschauspiel in Szene. Über schäumende Atlantikwellen weht er den Geruch von Salz und Tang herbei, türmt gewaltige Wolkenberge auf, gießt dichten Nebel über kahle Bergkuppen und reißt die Dunstschleier bald wieder in Fetzen. Sofort kommt die Sonne ins Spiel, leuchtet die grünen Nuancen der Landschaft aus und lässt das Meer kostbar glitzern.

Bis ins 19. Jahrhundert machten undurchdringliche Moore, zerzauste Wälder, zerklüftete Berge und vor allem fehlende Straßen die wilde Landschaft des irischen County Kerry mit seinen Halbinseln nur schwer zugänglich. Doch das Holz der ehemaligen Eichenwälder ist längst verschwunden. Die Engländer nahmen es mit, um es in ihren Kathedralen und Schiffen zu verbauen. Dafür leitet heute ein modernes Straßennetz inklusive neu gebauter Autobahnen die Besucher in den Westzipfel der Insel.

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Doch die einstige Abgeschiedenheit hat Spuren hinterlassen, für die sich eine Entdeckungsreise lohnt. Denn die „kerrymen“ haben ihre eigenen Vorlieben entwickelt, spielen gern gälisches Football, machten ihre Heimat zur Wiege des irischen Tourismus, produzieren pro Kopf die meisten Bücher und Zeitungen Irlands und wollten sich sogar, höchst selbstbewusst, schon mal vom Rest der Insel trennen. Noch heute sagt selbst ein Ire, der von einem Besuch in Kerry heimkehrt, dass er im „kingdom“, im Königreich, war. Einen König gibt es heute zwar nicht mehr, höchstens jenen Ziegenbock, der jedes Jahr im August während der Puck Fair in Killorglin eine Krone aufgesetzt bekommt. Dafür aber halten Gegenwart und Geschichte jede Menge interessanter Untertanen bereit.

So zeigt Nora Finnegan im Kenmare Lace and Design Centre gekonnt, wie mit Nadel und Faden ein textiles Kunstwerk entsteht. „Nein, bitte nicht fotografieren.“ Die historischen Muster der weltbekannten Kenmare-Spitze sind tabu. Auch wenn derartiges Design längst aus der Mode gekommen scheint, werden diese filigranen Schätze gehütet. Es waren Nonnen, die 1861 nach Kenmare kamen, die Kinder des Ortes unterrichteten und ihnen dabei auch die entsprechende Fingerfertigkeit vermittelten. Ihr Glück, denn so konnten diese sich auch in harten Zeiten ein eigenes Einkommen sichern.

Am Ortseingang von Kenmare weht die irische Fahne, zusammen mit der europäischen, ein Arrangement mit doppelter Symbolik. Ein Ring aus goldenen Sternen, ein Rettungsring auf blauem Grund für die grüne Insel, die ihre wirtschaftliche Krise wieder in den Griff bekommt. Oder, eine andere Lesart: Es ist für den schönsten Kreisverkehr der Insel geflaggt. Die Ringstraße, die sich auf der Iveragh-Halbinsel zwischen tosendem Atlantik und schroffen Bergen hindurch windet, der „Ring of Kerry“, lockt mit irischen Küstenpanoramen in Cinemascope.

Bei der Rundreise auf dem Ring entpuppt sich Valentia Island als lohnende Chance, dem sich mitunter aufstauenden Kreisverkehr zu entkommen. Vom kleinen Fischerhafen Portmagee führt eine Brücke hinüber. Gleich am Ende der Brücke liegt das Skellig Centre, das die Geschichte der Felseninseln erzählt, deren spitze Zacken am Horizont aus dem Meer ragen.

Vor mehr als 1400 Jahren suchte eine Gruppe von Mönchen nach einem Ort, wo sie ihre Religion zurückgezogen und in völliger Einsamkeit ausüben konnten. Sie wagten sich auf das offene Meer hinaus, um in schwindelnder Höhe an einem der außergewöhnlichsten Plätze der Erde ein Kloster zu errichten. „Wer nicht auf dem Friedhof dieses Gipfels zwischen den Bienenkorbhütten und der Betkammer gestanden hat, kennt Irland nicht“, hatte Shaw einst über dieses Erlebnis geschrieben. Doch die Überfahrt ist nur bei ruhiger See möglich und der Aufstieg nicht ganz ungefährlich. „Jedes Jahr fällt einer hinunter“, erzählt Helen beim Betrachten der Ausstellung. Vor 1400 Jahren waren die Skellig Islands, die zwölf Kilometer vor der Küste im Dunst des Atlantiks liegen, die Grenze der bekannten Welt.

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Auch die Kommunikation zur bald entdeckten Neuen Welt bekam von Valentia Island aus einen entscheidenden Impuls. 1858 wurde von hier das erste Transatlantik-Kabel nach Amerika verlegt und 1916 ging die codierte Nachricht nach New York: „Mutter heute erfolgreich operiert“. Der irische Osteraufstand hatte begonnen.

Dass der Golfstrom an Kerrys Küste bis tief in die Buchten hinein für ein mildes Klima sorgt, lässt sich wunderbar im Garten des Glenleam House erleben. Wer in diesen Dschungel eintaucht, vergisst Zeit und Raum und findet sich in einem subtropischen Labyrinth aus neuseeländischen Baumfarnen, südamerikanischen Palmen, japanischen Eichen und afrikanischem Bambus wieder.

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Von Kenmare aus schlängelt sich in Gegenrichtung die Nationalstraße 71 nach Norden die Berge hinauf zum Ladies View. Als hier oben einst die Kammerzofen Queen Victorias über den Anblick der märchenhaften Landschaft in Verzückung gerieten, war der Name für den Aussichtspunkt gefunden. Unten im Tal breitet sich ein über 10.000 Hektar großes Naturschutzgebiet aus, dessen blau schimmernde Wasserflächen in der Sonne flimmern.

In Killarney, empfiehlt es sich, nach Bed und Breakfast, für einen Besuch des Muckross House und seines Parks ganz früh aufzubrechen. Dann lässt sich noch dem Morgennebel zusehen, der langsam von den fernen Bergspitzen aufsteigt. In der stillen Parklandschaft rufen heisere Krähen aus exotischen Baumwipfeln. Und auch die ersten Jaunting Cars, die einspännigen Pferdefuhrwerke, warten bereits auf fußmüde Klientel.

„Ich möchte vor allem, dass junge Leute nach Muckross kommen, um die Berge zu entdecken und die Natur mit all ihrer Vielseitigkeit kennenlernen“, hatte Senator Arthur Vincent gesagt, als er das Muckross Estate 1932 dem Staat schenkte und daraus Irlands ersten Nationalpark machte. Seit 1981 ist der Park von der UNESCO als Biosphärenreservat gekennzeichnet.

Im 19. Jahrhundert kamen zunächst jene, die der Earl of Kenmare zur Jagd an den Lower Lake geladen hatte. Das Interesse galt dem Erlegen von Rotwild, das die Bediensteten aus dem Dickicht scheuchen mussten. Später lockten Bootsregatten der Einheimischen als neue Attraktion und brachten den Tourismus langsam in Schwung. Die redseligen Einwohner Killarneys verdienten sich ein Paar Pfund dazu, indem sie neugierige Adelige durch Berge und über Seen führten und ihnen dabei Geschichten aus dem Reich der Kobolde und Feen erzählten. Auf der Suche nach seelenverändernder Naturerfahrung rückten bald romantische Geister nach, deren schwärmerische Erzählungen die ersten Gäste vom Kontinent anlockten, bis heute. Als schließlich Königin Victoria Killarney besuchte, war der Durchbruch als Reiseziel ersten Ranges geschafft.

Noch immer ist der Tourismus mit weitem Abstand der größte Arbeitgeber der Region. Damit dies so bleibt, sind innovative Ideen gefragt. Wer Kerry besucht, wird essen und trinken wollen. Warum also nicht auf einem Dingle Food Trail die neuesten kulinarischen Raffinessen anbieten? Fangfrische Meeresfrüchte und das Kerry Lamm gehören bereits zu den lokalen Spezialitäten. Dazu gibt es nun ein neues Bier, das nach dem heimischen Polarforscher Tom Crean benannt wurde. „Hat aber nur 4,2 Prozent Alkohol“, erzählt Stephen Gesquiere von der West Kerry Brewery in Dingle. „Stärkeres wird nicht so gern getrunken.“ Als Desert bietet Murphy’s Ice Cream im Ort auch die Geschmacksrichtungen „Guinness“ und „Seasalt“ an. Und im kleinen Käseladen um die Ecke wird dem Milchprodukt für überraschende Gaumenfreuden getrockneter Tang oder Seegras beigemischt. Lange diktierte ein bodenständiger Pragmatismus die Zutaten bekannter Rezepte: ein Irish Stew, das sich tagelang auf dem Herd aufwärmen lässt und ein Irish Coffee, der als Hochprozentiges gegen schlechtes Wetter Mut macht. Es scheint, dass nun beim ohnehin wortgewandten „kerryman“ auch kulinarische Kreativität gefragt ist.

Und nach dem Essen? Für einen kleinen Spaziergang ist es in Kerry bis zum nächsten Strand nicht weit. Es lohnt sich aufzupassen. Kann sein, dass eine Kokosnuss aus der Karibik über den Sand rollt oder eine Flaschenpost, vor fünfzig Jahren in New York in den Hudson geworfen. Und der Wind ist auch wieder da. Jetzt bläst er die letzten Schadstoffe aus der Nase und viele klare Gedanken ins Hirn.


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