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land in bewegung

Auf dem Darss

Halali! Der Hirsch darf leben. Von Dünen geschützt zeigt sich der kapitale Zwölfender, begleitet von seinem Harem, neben der Einfahrt zum kleinen Nothafen von Prerow. „So etwas sieht man nur auf dem Darß“, flüstert Lutz Storm. Nicht weit entfernt vom grasenden Rotwild ankert ein Seenotkreuzer der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft bieten derartige Kontraste heute ganz besondere Naturerlebnisse. Das war nicht immer so. Vor der Wende waren Teile der Region als Diplomatenjagdgebiet der DDR für das Volk tabu. Doch mit der Wende verwandelte sich das Haus der ehemaligen Staatsjagd in Born in den Sitz des heutigen Nationalparkamts.

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Für den ehemaligen Leuchtturmwärter Alfred Kayserling ist dieser Jagdalltag noch sehr lebendig. An seinem ehemaligen Arbeitsplatz, am 160 Jahre alten Leuchtturm Darßer Ort, erinnert er sich: „Da wurde früher immer erst viel gebechert und anschließend gejagt. Und weil dann einige der Genossen ziemlich dune waren, haben die natürlich oft daneben geschossen. Da musste schon mal vorher ein Tier erlegt und irgendwo hingelegt werden.“ Derartige Frevel sind längst Geschichte. Schützen statt schießen heißt es heute. Die Vorpommersche Boddenlandschaft ist mit 80.500 Hektar der größte deutsche Ostseenationalpark.

Der Weg zum Leuchtturm am Darßer Ort führt über neue Bohlenstege durch eine weiße Dünenlandschaft. Infotafeln erklären die Unterschiede zwischen Weiß-, Grau-, und Braundüne. „Alle 100 Jahre kommt ein neuer Dünenzug auf“, erklärt Storm, der beim Nationalparkamt für Umweltbildung zuständig ist. „Wenn sie dort zu dem Erlenbruch schauen, 18. Jahrhundert. Drüben am Leuchtturm sehen sie das 19. Jahrhundert und hier stehen sie auf dem 20. Jahrhundert“. Man merkt es sofort: Der Natur-Entertainer, wie er sich selbst nennt, ist in seinem Element. Storm versteht es, Geschichte und Geologie anschaulich in Beziehung zu setzen. Er liest in der Landschaft wie in einem Bilderbuch. „Hier ist Dynamik drin, das bewegt sich.“ Storm meint die Küstenlandschaft, die sich auf dem Darß auch heute ständig verändert. „In der Schule haben wir gelernt, dass wir die Erde im Griff haben. Aber das haben wir nicht und wir werden sie auch nie in den Griff kriegen.“

Das Land wird an der Westküste abgetragen und im Norden wieder angespült. Von einer kleinen Aussichtsplattform blicken wir in Richtung Wellen. „Wir stehen hier auf Land, das vor 120 Jahren noch nicht da war. Und da draußen entsteht gerade das 21. Jahrhundert.“ Auf dem Neuland vor der Wasserlinie grasen erste Hirschkühe, dazu lässt sich auf einer der Sandbänke mit dem Fernglas ein Seeadler entdecken. Dahinter drehen sich am Horizont, als ob sie Storms geologischem Blick in die Zukunft eine technische Note verleihen wollen, die Räder des neu eröffneten Windparks „Baltic 1“.

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Gleich mit den ersten Schritten auf dem Strand bückt sich Storm und hebt einen versteinerten Seeigel auf. „Hier, 70 Millionen Jahre alt. Da starben die Saurier gerade aus.“ Im Nationalpark werden die Algen nicht vom Strand entfernt. Die Pflanzen nutzen deren Nährstoffe und so formen sich auf dem Neudarß durch angewehten Sand und Pflanzen die neuen Dünen. „Vom Altdarß weiter südlich wird nichts mehr abgetragen“, erzählt Storm. „Aber hier oben, der Neudarß, das sind 2800 Jahre sich verändernde Erdgeschichte. Ich merke mir immer: 753, Rom kroch aus dem Ei. Und weiter nach vorn geblickt: In 400 Jahren wird der Strand hier durch die Entwicklung der Vegetation zum Wald werden.“

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Tatsächlich ist der größte Teil des Darß von Wald bedeckt, dem 5800 Hektar großen Darßwald. Wer hier im Morgennebel eintritt, den empfängt eine mystische, verwunschene Welt, in der Feen und Elfen ihr Zuhause haben könnten. Wenn abends die Sonne sinkt, hallt besonders im Herbst ein tiefes Röhren durchs Gehölz. Das kommt von der Großen Buchhorster Maase, einer riesigen Lichtung, die sich zwischen Sümpfen und knorrigen Baumstämmen im Zentrum des Waldes öffnet und im Spätherbst zur Bühne geräuschvoller Hirschbrunft wird. Das urige Imponiergehabe und Testosteron gesteuerte Kräftemessen der Hirsche in den Monaten September und Oktober beeindruckt selbst aus größerer Entfernung. Vom erotisierenden Geruch der weiblichen Tiere angelockt, weist der Platzhirsch mit tiefem Röhren und kampferprobtem Geweih seine Kontrahenten in die Schranken. Zwar ist das imponierende Geweih der Blickfang des Rothirsches, Verhaltensforscher der UniversitätSussex fanden jedoch heraus, dass die Brunftschreie die eigentliche erotisierende Wirkung auf die Weibchen haben. Große, kräftig schreiende Rothirsche tragen das Versprechen auf bestes Erbgut und damit gesunden Nachwuchs quasi in ihrer Stimme.

Wenn sich der Wald beruhigt hat, kann es sein, dass der Himmel Laute von sich gibt. Denn der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft hat eine große Bedeutung für den Vogelzug. Hier befindet sich der größte Kranichrastplatz Mitteleuropas. Seit vielen Jahren rasten die majestätischen Vögel hier, um sich im Frühling auf den Weiterflug in die Brutgebiete Skandinaviens oder im Herbst in die Überwinterungsquartiere vorzubereiten. Tagsüber suchen sie nach Nahrung und abends fliegen sie zurück zu ihren Schlafplätzen in den flachen Boddengewässern. Da tausende Kraniche mit entsprechendem Hunger mühelos in der Lage wären, mehr als nur einen Landwirt in den Ruin zu treiben, werden sogenannte Ablenkungsfütterungen eingerichtet: Auf bestimmten Wiesen oder abgeernteten Feldern wird massig Mais und Weizen verteilt, was die Kraniche schnell spitz kriegen und zielstrebig ansteuern. Doch selbst bei so einer üppigen Mahlzeit nehmen sie vor allzu ambitionierten Hobbyfotografen rasch Reißaus.

Bleibt noch die Möglichkeit, sich ihnen mit dem Ausflugsboot von Seeseite zu nähern. Dicht über den Köpfen pflügen die Wappentiere der Lufthansa wie aneinander gehängt im keilförmigen Formationsflug durch den Septemberhimmel. Erst in sicherer Entfernung setzen sie auf den Landzungen im Bodden zur Landung an, um dort nachts im Stehen zu schlafen.

Zum Abendessen im „Achtern Storm“ in Ahrenshoop gesellt sich Bürgermeister Hans Götze dazu. Er kam gerade von der Zeesenbootregatta in Althagen, wo sich diese uralten Fischerboote der Boddengewässer jedes Jahr im September als liebevoll restaurierte Traditionssegler präsentieren. „Leider fehlte uns in diesem Jahr etwas Wind. Das hatten wir noch nie.“

Zum Abschluss besteht Götze noch darauf, unbedingt die „Mecklenburger Götterspeise“ zu probieren, ein altes DDR-Rezept. Die Mischung aus fein geriebenem Pumpernickel, braunem Rum, Zucker, entsteinten Sauerkirschen und Schlagsahne macht rasch satt.

Ob es denn auch zu DDR-Zeiten hier Tourismus gab? „Na ja“, meint Götze, „einige Betriebe hatten schon Bungalows. Und wer hier als Einheimischer ein Ferienzimmer anbieten konnte, war schon gefragt. Aber das war ja Grenzgebiet. Innnerhalb von 24 Stunden musste man sich ins Meldebuch eintragen. Luftmatratzen waren verboten und nachts durfte man nicht an den Strand. Da haben uns dann die Grenzer abgefunzelt.“

Trotz üppigem Dessert bleibt als Wissenshunger bleibt noch eine Frage übrig. „Was heißt ‚Darß’ eigentlich?“ Da sei man sich nicht ganz einig, meint Storm. Das Wort komme aus dem Slawischen und könne sowohl „Garten“ oder „Geschenk“, aber auch „Dornbusch“ bedeuten. Aber warum das am Ende entscheiden? In diesem Stück Natur steckt ja von Allem etwas.


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Nützliches

  • Ausführliche Informtionen bietet ein umfangreicher Online-Wegweiser über die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst.
  • Fünf Kilometer westlich vom Ostseebad Prerow hat das Deutsche Meeresmuseum auf dem Darß seit 1991 das NATUREUM eingerichtet. Hier werden besonders die Vielfalt, Dynamik und Schutzbedürftigkeit der einmaligen Natur und Landschaft auf dem Darß dargestellt. Zahlreiche Tierpräparate vermitteln einen lebensnahen Eindruck der Fauna von Meer, Strand, Düne und Wald dieser Kernzone des Nationalparks.
  • Das Bio-Hotel GINKGO MARE befindet sich im Ostseebad Prerow auf dem Darß inmitten des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft, keine zwei Minuten vom Darßwald entfernt.  Baubiologisch hochwertige Zimmer, alle ausschließlich mitVollholzmöbel und ökologischer Ausstattung;  morgens gibt es eine Bio-Frühstückstafel, natürlich werden auch laktose- und glutenfreie Speisen angeboten. Hauseigene Sauna und Kaminzimmer.
  • "Wandern & Relaxen auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst" ist eine von mehreren Darß-Reisen aus dem Programm von Wikinger Reisen.